An unserem Seminar «Nachwuchsförderung im KI-Zeitalter» haben Referentinnen und Referenten von ZHAW, the native web, EBP, Sensirion, swissICT und Cudos gezeigt, wie sie Nachwuchstalente heute ausbilden, rekrutieren und weiterentwickeln. Hier lesen Sie die Zusammenfassung mit den wichtigsten Takeaways. Der Ausgangspunkt war ein Paradox, KI macht das Schreiben von Code fast mühelos. Gleichzeitig wird es schwieriger, das aufzubauen, was gute Engineers ausmacht, also Verständnis für Systeme und Domänen, Kommunikation und echtes Urteilsvermögen. Wer heute keine Juniors fördert, hat morgen keine Seniors. Für alle, die dabei waren, fasst dieser Beitrag die wichtigsten Punkte zusammen. Für alle anderen zeigt er, welche Fragen uns gerade beschäftigen. Das Thema bewegt, das war von der ersten Minute an spürbar. Wie sieht mein Job in fünf Jahren aus? Lohnt es sich noch, Juniors einzustellen? Solche Fragen beschäftigen gerade viele, und sie bringen verständlicherweise auch Unsicherheit mit sich. Umso schöner war, was an diesem Vormittag entstanden ist, niemand hat die perfekte Antwort, aber alle ringen mit denselben Fragen und alle wollen sie anpacken. Dieses Gefühl, gemeinsam im selben Boot zu sitzen, hat Mut gemacht. Beim Kaffee und beim Stehlunch wurde engagiert weiterdiskutiert, Erfahrungen wurden geteilt und neue Kontakte geknüpft. Genau diese Community ist es, die uns weiterbringt. Bildung am Scheideweg, was und wie lehren wir heute? Patrick Feisthammel, ZHAW Niemand weiss, wie die Branche in fünf Jahren aussieht. Sicher ist für Patrick Feisthammel aber, dass grundlegendes Code-Verständnis unverzichtbar bleibt. Die Frage ist, wie man Grundlagen lehrt, wenn KI für jede Basisaufgabe einen «Lösen»-Button anbietet. Denn echtes Lernen braucht Reibung, Fehler und manchmal den harten Weg. Die ZHAW setzt deshalb unter dem Motto «befähigen statt verbieten» drei Schwerpunkte Strukturiertes, logisches Problemlösen statt reiner Umsetzung Lösungen bewerten und begründen können, auch solche, die eine KI erzeugt hat Technische Kommunikation, komplexe Konzepte einfach erklären Gleichzeitig ist KI ein Booster für die Lehre selbst. Sie ermöglicht detailliertes, individuelles Feedback und interaktive, visuelle Lehrformen, die früher schlicht zu aufwendig waren. Die Hochschule legt das Fundament und macht Absolventinnen und Absolventen arbeitsmarktfähig. Praxiserfahrung, Soft Skills und Teamdynamik lassen sich im Studium aber kaum simulieren. Der Einstieg in die Wirtschaft bleibt ein unersetzbarer Schritt auf dem Weg zum Senior. Das Hiring-Paradox: perfekt auf Papier und unsicher im Gespräch Marianne Petitpierre, Co-Leiterin Cudos Trail KI ist im Bewerbungsprozess allgegenwärtig, und viele Kandidatinnen und Kandidaten wirken auf dem Papier makellos. Marianne Petitpierre beobachtet beim Cudos Trail deshalb eine deutliche Verschiebung, wir laden mehr Personen zum Coding-Test ein, doch spürbar weniger bestehen anschliessend das persönliche technische Interview. Der Grund ist selten fehlendes Wissen. Es fehlt die Fähigkeit, die eigene Lösung zu erklären, zu begründen und kritisch zu hinterfragen. Der Cudos Trail hat seine Auswahl darum noch enger an den Bedürfnissen der Partnerfirmen ausgerichtet. Im Fokus stehen heute weniger Syntax-Kenntnisse, sondern zwischenmenschliche Kompetenzen und Kommunikation Mindset, Motivation und Neugier die Fähigkeit, komplex zu denken echte Eigenverantwortung Das WAS schlägt das WIE Golo Roden, Gründer und CTO, the native web Golo Roden griff Joel Spolskys bekanntes Hiring-Framework auf, gesucht sind Menschen, die «smart» sind und «things done» bekommen. KI ordnete er klar im Quadranten «Gets Things Done, but not Smart» ein. Sie liefert enormen Output, birgt aber ein hohes Risiko für verdeckte technische Schulden. Das Ziel muss deshalb sein, smarte Menschen zu finden und zu fördern, die KI als Multiplikator einsetzen. Denn die Umsetzung wird zur Massenware. Die eigentliche Hürde liegt woanders, nämlich die Domäne verstehen, eine tragfähige Architektur entwerfen und vor allem klären, WAS überhaupt gebaut werden soll. Sein Beispiel aus Produkt-Meetings zeigt das gut, schon die Frage «Was ist eigentlich ein Kunde?» führt oft zu überraschend unterschiedlichen Antworten. Wenn Engineers nicht wirklich verstehen, für wen sie bauen und warum, schiesst auch die schnellste KI-Codegenerierung am Ziel vorbei. Im Interview helfen Fragen, die Neugier, Kommunikation und Domänenverständnis sichtbar machen und zeigen, ob jemand KI als Tutor nutzt statt als Denkersatz Domänen-Probing, Nachfragen, wie gut jemand das fachliche Problem hinter einer Aufgabe verstanden hat, nicht nur den Code. Resilienz ohne KI, Prüfen, wie jemand vorgeht, wenn die KI nicht verfügbar ist oder eine falsche Antwort liefert. Kultur des Vertrauens und Raum für Fehler schaffen Kristof Kölker, EBP, ehemaliger Cudos Trail Junior Kristof Kölker kennt beide Seiten, er ist selbst über den Cudos Trail eingestiegen. Juniors, so seine Erfahrung, bringen frische Energie und neue Ideen mit, haben aber oft Angst, Fehler zu machen. Unternehmen müssen ihnen deshalb Handlungsspielraum geben und klar signalisieren, dass unkritische Fehler zum Lernen dazugehören. Als Referenz nannte er Googles OKR-Mindset, bei dem rund 70 Prozent Zielerreichung bereits als Erfolg gilt. Dazu kommt eine neue Dringlichkeit. Die klassischen Einstiegs-Tickets werden zunehmend von KI erledigt. Unternehmen müssen Juniors darum früher an anspruchsvollere Themen heranführen, etwa Architektur, Systemdesign und Kommunikation. Und Code-Verständnis verschiebt sich, im KI-Zeitalter geht es immer mehr darum, Code kritisch zu beurteilen. Review-Kompetenz wird zu einer Schlüsselfähigkeit. Domänenwissen schlägt Syntax Hendrik Schulz, Head of R&D Software Engineering, Sensirion Bei Sensirion werden junge Engineers bewusst früh mit komplexen, echten Problemen konfrontiert. Vertrauen, Freiraum und Autonomie führen nach Hendrik Schulz' Erfahrung zu einem rasanten beruflichen Wachstum. Seine Kernbotschaft lautet, Code ist billig, die Domäne ist alles. Basis-Code zu schreiben ist austauschbar geworden. Das Verständnis für den fachlichen Kontext, für physikalische Systemzusammenhänge und für unausgesprochene Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer bleibt dagegen zutiefst menschlich. Besonders eingängig war sein «Kaffeemaschinen-Faktor», entscheidende Anforderungen tauchen oft nicht im Ticket auf, sondern im informellen Gespräch beim Kaffee. Diesen Austausch und den Beziehungsaufbau über Abteilungsgrenzen hinweg kann keine KI ersetzen. Podiumsdiskussion "Wer bildet die Seniors von morgen aus?" Mit allen Referierenden sowie Kurt Lanz (swissICT) und Prof. Dr. Olaf Stern (ZHAW), moderiert von Reto Bättig (CEO Cudos) Das Schweizer ICT-Paradox. Kurt Lanz und Olaf Stern zeichneten ein deutliches Bild, der Schweiz fehlen absehbar rund 70'000 ICT-Fachkräfte. Die Hochschulen bilden aber nur 1'000 bis 2'000 Absolventinnen und Absolventen pro Jahr aus. Und die Studierendenzahlen sinken, weil viele befürchten, dass Unternehmen nach dem Abschluss zu selektiv einstellen. Der ökonomische Flaschenhals. Weil KI die einfachen Einstiegsaufgaben übernimmt, wirken Juniors für Unternehmen überproportional teuer. Wer aber heute auf Juniors verzichtet, entzieht dem Markt die Seniors von morgen. Neue Teamstrukturen? Ist das klassische agile Team mit mehreren Erfahrungsstufen noch zeitgemäss? Diskutiert wurden kleinere, stark autonome Teams oder Einzelverantwortliche, die mit KI und nah an den Fachexpertinnen und -experten arbeiten. Wer bezahlt den Weg zum Senior? Reto Bättig brachte die zentrale Frage auf den Punkt, wenn die Produktivitätserwartungen steigen und die unteren Lernstufen wegfallen, wer finanziert dann die Entwicklung vom Junior zum Senior? Die Unternehmen, der Staat oder die Arbeitnehmenden selbst? Eine abschliessende Antwort gab es nicht. Klar wurde aber, dass die Branche diese Frage gemeinsam lösen muss. Drei Dinge, die Sie ab Montag umsetzen können Zweimal «Warum?» fragen. Bohren Sie in Interviews und Code-Reviews bei technischen Entscheiden nach. So erkennen Sie, wer echte Entscheidungs- und Domänentiefe mitbringt und wer nur Output liefert. Den KI-Prompt umkehren («Grill me»). Nutzen Sie KI nicht nur zur Ausführung. Lassen Sie sich und Ihre Juniors von der KI gezielt zu Architektur- oder Fachkonzepten befragen und herausfordern. Domänen-Neugier fördern. Ermutigen Sie Juniors, den Bildschirm zu verlassen und mit Fachexpertinnen und -experten zu sprechen. Erst verstehen, für wen gebaut wird, dann die erste Zeile Code. Fazit – Juniors bleiben unverzichtbar, wenn wir sie anders fördern – KI ersetzt den Nachwuchs nicht, sie verändert ihn. Code zu schreiben ist günstig geworden. Verstehen, Begründen und Kommunizieren sind knapper denn je. Hochschulen, Unternehmen und Programme wie der Cudos Trail müssen Juniors deshalb schneller an Domäne, Architektur und Verantwortung heranführen und ihnen den Raum geben, dabei Fehler zu machen. Und das ist der eigentliche Lichtblick, wir haben es selbst in der Hand. Statt abzuwarten und Tee zu trinken, können wir ausprobieren, lernen und nachjustieren, als Unternehmen genauso wie als Einzelne. Der Schlüssel dazu ist eine gute Fehlerkultur, für Juniors wie für erfahrene Teams. Wer jetzt ins Tun kommt, gestaltet die Zukunft mit. Und das Schönste, wir gehen diesen Weg nicht allein. Herzlichen Dank an alle Referierenden, Panelgäste und Teilnehmenden für den offenen Austausch.